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Christoph & Hannibal

Schuld ist
Erstens der Sepp vom Iselsbergerhof

und zweitens
das Töchterchen vom Christoph.

Der Sepp vom Iselbergerhof am Iselsberg ob Lienz braucht hier nicht extra vorgestellt zu werden, wer noch nie im wichtigsten Hotel für Motorradfahrer ganz Mitteleuropas war, ist selber schuld. Der Iselsberger Sepp schickt also seinen - entfernt aber doch - Verwandten Christoph nach Linz zum Kauf eines russischen Motorrades. Christoph denkt beim Kauf eines Motorrades noch an eine Solomaschine.

Der Iselsberger Sepp hat aber wohlweislich die ganze Familie des Verwandten nach Linz geschickt und das ist gut so. Denn Töchterchen sitzt sich in den Beiwagen des schönsten Ural Gespannes von Linz und solo fahren ist obsolet.

Christoph holt das Gespann selbst in Linz ab und kommentiert seine Jungfernfahrt mit seinem Ural-Gespann wie folgt:

Reiseberichte beginnen nicht selten überraschend: Gestern früh um sieben Uhr, als der Tag in Mallnitz-Obervellach noch frisch war, schaute ich vom Bahnsteig 3 aus einer etwa 75-jährigen Frau zu, wie sie sich daran machte, ihre Hühner ins Freie zu lassen. Ruhig und überlegt räumte sie Holzbalken zur Seite, sperrte Türen auf, beseitigte da ein Brettchen, dort ein Stück Holz... Nach endlosen Minuten hatte sie die Vorhängeschlösser aufgesperrt und ein endloser Strom von Hühnern strömte ins Freie. Das leise Gegurre - mehr als Gegacker - begleitete das Bild der mindestens 150 Hühner, die nicht aufgeregt aber zügig in den Hof und ins angrenzende Feld strömten. Wunderschön, dachte ich, wird ein guter Tag.
Züge sind in der Regel schnell, sogar bei den ÖBB. So auch diesmal. Unschlagbar in drei Stunden in Linz. Da half auch die hinterhältige Ansage des Schaffners in Salzburg nichts, dass der Anschlusszug am Gleis 3 abfahren würde. Tatsächlich fuhr er von Gleis 5. Nicht mit mir!
In "vollkommen makelloser neuer Motorradbekleidung" (Zitat Hari) traf ich im URAL ein und konnte ordnungsgemäß eine Solche übernehmen. Nach den üblichen Anfängerpeinlichkeiten war schließlich getankt und ein Autobahnpickerl aufgetrieben. Verlässlich bis zur Autobahnauffahrt Linz/Neue Heimat begleitet konnte die Reise beginnen. Danke Hari, ich werde dein Gesicht nicht vergessen. Vermutlich warst du überzeugt, weder mich noch die Ural jemals in halbwegs akzeptablen Zustand wieder zu sehen, eher dachtest du wohl daran, heute im Linzer Stadtanzeiger in den Lokalnachrichten von einem sensationellem Motorrad-Beiwagen-Unfall wenige hundert Meter nach der Auffahrt Linz/Neue Heimat zu lesen, in welchen ein Osttiroler und zwei Lkws verwickelt waren.
Ich muss gestehen, die ersten 60 km waren geprägt von einer veritablen Glaubenskrise. Wiederholter Blickwechsel zwischen Tacho und vorbeiziehenden Lkw ließ mich zweifeln, ob ich nicht im Begriffe einer Dummheit sei. Eine erste windgebeutelte Überschlagsrechnung bezüglich der Reisedauer machte nichts besser. Der Gedanke, ob die gebrauchte Honda Transalp nicht nur um einen Tausender billiger gewesen wäre sondern mich auch um Stunden früher nach Hause gebracht hätte verschlimmerte die Situation zu diesem Zeitpunkt. In diesem Augenblick rettete mich die Frage, was ich mit den gewonnenen Stunden angefangen hätte... eben! Ab da wurde es ein bisschen besser. Der erste Glaubensgrundsatz "Wenn ich schnell irgendwo hin muss, fahr ich mit dem Auto oder dem Zug! Nicht mit der Ural!" tat wohl, wenngleich ich aufgrund des aufziehendes Nebels und der damit verbundenen Wärmeentzugserscheinungen im Knie- und vorderen Weichteilbereich eine erste Rast buchen musste. Der Einfachheit halber zog ich die dicke Hose gleich über die andere drüber. Was weiß man schon was noch kommt. Windgebeutelt und vom restlichen Verkehr gedemütigt und aufgemuntert beschloss ich meine 80 km/h zur Maxime zu erheben. Diese schnelllebige Zeit kann mich mal am Auspuff. Dass ich trotzdem gebeugt dasaß hatte mehr mit dem teuflischen Wind in dieser Gegend zu tun. Gut. Salzburg erreicht und hinter mir gelassen, da muss man nix zu sagen. Bad Reichenhall ist auch nicht der Rede wert. Vielleicht ist jene beinahe 90°-Kurve zu erwähnen, welche recht plötzlich nach rechts führte, währenddessen ich mental noch auf eine schnittige Geradeausfahrt eingestellt war. Damit hätten wir die "Knappheit" des Tages abgehandelt, müssen wir nicht weiter dran denken. Die Stimmung hatte sich inzwischen auf neutral bis positiv eingependelt, wurde jedoch flugs durch einen zünftigen Landregen vor Saalfelden gebremst. Was im Auto nicht einmal des Scheibenwischers wert ist, morst am Motorrad penetrant am Helm. Auch das ging vorüber. Inzwischen war man hungrig geworden!
Auf eine traditionelle Einkehr in einem Landgasthaus mit gehaltvoller Suppe und Fleisch wurde gemäß des zweiten Glaubensgrundsatzes "Was durch Slowdrive an Zeit verloren wird durch Fastfood wieder aufgeholt" verzichtet. Der Mac in Saalfelden füllte den Magen verlässlich womit auch immer, der Pappbecherkaffe war wie er war. Mehr als Warm muss nicht sein, den Rest macht Zucker. Sonne über dem Pinzgau ließ mir erstmals das Herz aufgehen. Nachdem ich die Höllenröhre in Zell am See hinter mich gebracht hatte - ich war überzeugt, dass die beiden Auspuffröhren direkt in den Helm an meine Ohren münden würden. Kritische Blicke hinunter an Motor und Bereifung bzw. eventuell sich lösende Teile blieben unbegründet, der Lärm musste wohl auch von den anderen kommen. Mit der Zufahrt zum Großglockner fielen auch die letzten Glaubenszweifel von mir ab, die Sonne schien und es war einfach überwältigend schön und beruhigend. Der Kassamann reckte den Kopf aus dem Häuschen und schien selbst ein wenig daraus zu sein: "Was ist denn das?... Aha ... und soso ... gfallt ma ... kimm guat hoam, pfiati!". Das wäre dann der Unterschied zu Ktm, Honda, BMW gewesen.
Gut. Die Ural brachte mich zuverlässig brummend nach oben, ich überholte sogar in wagemutiger Aufwärtsfahrt drei Radfahrer und konnte mich so an die Spitze setzen. Oben angekommen - siehe Anhang - gab ich der Ural den Namen "Hannibal" und dann, bevor die Freude übermächtig werden konnte, fuhr ein Wind über den Berg, der Boot samt Bootsführer ordentlich einbremste. Und weil der Wind ist wie er ist brachte er ordentlich jemanden mit, nämlich einiges an waagrechtem Regen, der es sich noch überlegte, ob er Schnee werden wollte, es dann aber doch beim Regen beließ. Die Fahrt zum Hochtor war durchwachsen, die Einfahrt in den Windkanal gestaltete sich fordernd, da der Tunnel zappenduster war, nass war, es von der Decke tropfte, mein Helm angelaufen war und ich schlagartig blind war. Das Licht eines entgegenkommenden Kfz konnte ich reaktionsschnell als definitiv "nicht das Licht am Ende des Tunnels" definieren und in der Folge auch eine direkte Begegnung mit den ersten wagemutigen Touristen vermeiden. Weils inzwischen eh schon gleich war, eiskalt wars, gestürmt hats, gab ich mich völlig hin und überließ mich dem "uralism way of thinking and living". Mit einem fetten Grinsen im Gesicht, das breiter war als das Visier, rollten Hannibal und ich talwärts. Gott sei Dank waren keine zwanzig Autos am Weg, bei Vollbetrieb im Sommer hätten sie mich wahrscheinlich mit Stöcken von der Straße vertrieben. Wenn man auf der Jungfernfahrt nach ca. fünf Stunden irgendwann im Fahren aufsteht und in den Sturm brüllt vor Freude, dann weiß man eh, dass es einen erwischt hat.
Übers Mölltal gibt es nichts zu berichten, das haben wir zügig durchfahren. Nach sechs Stunden Fahrt für magere 280 km rollte ich standesgemäß am Iselsberger Hof ein, um mich beim Sepp zurückzumelden, bevor mich jemand als vermisst meldet. Normalerweise und an jedem anderen Tag hätte ich ein Weizenbier getrunken, diesmal schien mir hochprozentiger Schwarztee mit viel Zucker angemessener. Die anvisierte Zeit von einer Stunde und zehn Minuten habe ich klar verfehlt, ich möchte aber auch auf keinen Fall jemals ein Motorrad haben, mit dem ich von Linz nach Lienz in weniger als fünf Stunden fahren könnte! Danke Hannibal!
Falls also jemals eine Ural irgendwohin zu überstellen wäre, Hari, ruf mich an. Ich übernehme alles, was weiter weg ist als 280 km und mindestens fünf Stunden dauert...

Liebe Grüße
Christoph&Hannibal
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Aktualisierung: 2013/07/31 - 08:31 / Redakteur: congenia staff
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